Zur Vernissage der Retrospektive von Cesare Ferronato, 5.09.2008

Ich danke für das Vertrauen an dieser Eröffnung der Retrospektive von Cesare Ferronato und der Premiere des Films von Tula Roy und Christoph Wirsing mitwirken zu dürfen. Das ist nicht selbstverständlich, denn ich bin kein langjähriger Bekannter Cesares, kein Schüler aus seiner Lehrerzeit an der Kunstgewerbeschule oder von seinen Kursen in San Vittore, ich habe ihn nicht in Italien besucht und mein Arbeitsbereich ist nicht die bildende Kunst. Vielmehr befasste ich mich immer mit Kindern, ihrer Entwicklung und ihren Besonderheiten sodass die Anmerkungen, die ich beisteuern darf, aus dieser Perspektive kommen; das wiederum scheint mir vor allem deswegen gut vereinbar mit Cesare wie mit Tula Roy, weil sie beide die anschauliche Beweise dafür sind, dass die Seele zwar reifen kann, aber nicht altert.

Zunächst einige Stationen von Cesares Weg: Er ist 1927 in Interlaken geboren, kam mit seiner Familie schon 1928 nach Zürich und kann somit von der Berner Oberländer Holzschnitzerkunst nicht direkt beeinflusst worden sein. Seine Familie stammt aus Padua, wo sein Vater im Handel mit Seidenkokons, einem weltoffenen Geschäftsbereich, tätig war; die Mutter war Krankenschwester aus Mailand. 1917 waren die Eltern vor dem Krieg zuerst ins Tessin geflohen, wo ein beruflicher Versuch mit einem ein Beizlein, (mit Polenta, wie Cesare sagt), scheiterte, dann weiter in die deutschsprachige Schweiz. In Zürich stellte der Vater vor allem Gipsstelen für Vasen her, wie sie heute noch etwa in Blumengeschäften zu finden sind. Die Familie lebte im Industriequartier in ärmlichen Verhältnissen. Cesare erkrankte im zweiten Lebensjahr an Kinderlähmung und verbrachte viel Zeit seiner Kindheit im Spital und in der Rehabilitation, sowohl in hiesigen Spitälern, wie in Italien. Seine Eltern schlugen ihm vor, Orthopädieschuhmacher zu werden, oder, wenn es denn etwas kunsthandwerkliches sein müsse, Ofenkeramiker um Ofenkacheln herzustellen. In den ersten Jahren des zweiten Weltkriegs suchte er hingegen eine Lehrstelle bei einem Steinmetz, kam aber als Gehbehinderter und italienischer Secondo nicht an. Nach einem ersten misslungenen Aufnahmeversuch an die damalige Kunstgewerbeschule wurde er 1945 angenommen, absolvierte die Ausbildung und wurde später an der gleichen Schule Lehrer für Modellieren. An der Klubschule kamen dann Kurse für experimentelles Modellieren dazu.

Durch seinen Bruder lernte er Jaqueline kennen, die im Artemisverlag tätig war. Dieser stand damals unter der Leitung des bedeutenden Verlegerehepaars Martin und Bettina Hürlimann. Cesare und Jaqueline legten wie die Hürlimanns (und wie auch das besonders einfühlsame Filmerpaar Tula Roy und Christoph Wirsing) ihre Lebensenergien zusammen, als gemeinsames geistiges und künstlerisches Kapital, freilich unter Wahrung der persönlichen und künstlerischen Eigenständigkeit. Dieses Jahr feiern sie ihr 50 Jähriges Hochzeitsjubiläum. Alle Gastfreundschaft und alle Leistungen im Hause Ferronato beruhen auf ihrer gemeinsamen Basis.

Nach verschiedenen Provisorien konnte Cesare von 1962 an einen alten Stall mit Scheune in Höngg zum heutigen Atelier umbauen. Erst hier, mit 35 Jahren, war es ihm möglich, in Stein zu arbeiten. Nochmals rund zwanzig Jahre später konnte er 1981 das Haus im bündnerische San Vittore übernehmen und renovieren, wo er seine eigenen Fachkurse „Einführung in die Steinbildhauerei" gründete. Von 1974 bis 1985 stand ihm auch ein Gartenhäuschen in Genua als Atelier zur Verfügung. In den frühen 90er Jahien folgte dann die Übernahme des von einer Tante vererbten Häuschens im Süden der Republik San Marino. Alle diese Arbeitsstätten musste Cesare in mühseliger und langwieriger Arbeit und ohne Mittel selbst umbauen oder renovieren, damit sie für seine Arbeit geeignet und bewohnbar waren.

Wie bei einer Skulptur viel Material weggeschafft wird, um sie herauszuarbeiten, habe ich bei diesem Überblick sehr vieles übergangen. Und wie bei einer Skulptur gibt es in einem Lebenslauf bestimmte dominante Linien und Flächen, Entwicklungslinien und Lebensebenen, von denen ich einige umschreiben möchte; es geht dabei um mögliche Zusammenhänge und nicht etwa um kausale Erklärungen für einen Lebensverlauf, dessen Komplexität sich jeder vereinfachenden Erklärung entzieht.

In allem zeigt sich eine Lebensenergie, mit der Widerstände überwunden und Grenzen ausgelotet werden. Es ist eine Energie, die schon das an Polio erkrankte Kleinkind brauchte, um zunächst zu überleben und sodann die langwierigen Prozesse von Operationen und Rehabilitationen zu meistern.

Es ist auch eine Energie, die man als Einwandererkind braucht, als Secondo diskriminiert. Dieses Überwinden der Widerstände war notwendig, um trotz Ablehnung durch die Steinmetzenzunft und einem ersten Fehlschlag an der Kunstgewerbeschule unterzukommen, später die eigenen Kurse aufzubauen und nicht zuletzt alle Ateliers eigenhändig aufzubauen.

Wie so viele Secondos musste sich Cesare seine eigene Umwelt bauen, um seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Vielleicht ist es auch die Herausforderung des Widerstandes, die ihn schliesslich dazu führte, vorwiegend Steinbildhauer zu werden. Das Ausloten von Grenzen zeigt sich in seiner Kunst beispielsweise, wenn er in seinen Kursen die Schüler lehrte an grossen Brocken zu arbeiten, weil eine kurze Linie, eine kleine Fläche zu leicht zu bewerkstelligen sei. Dieses Ausloten geht aber über die Grenzerfahrung hinaus, wenn Cesare das Kursthema des experimentellen Modellierens erfand, bei dem beispielsweise gelernt werden konnte, wie man mit Ton eine Oberfläche schafft, die als Stoff erkenntlich ist. Das Experimentelle zeigt sich in seinem Werk, das sowohl die ganz grossen, wie die minutiös kleinen Skulpturen enthält oder wenn er vom gleichen Thema Varianten schafft, oder in seinen zweiseitigen Figuren die Doppelgesichtigkeit zur Darstellung bringt. Er schlüpft dann teilweise in die Rolle eines Wissenschafters, der sich nicht mit einem einzelnen Ergebnis begnügt, sondern seine Aufgabe von verschiedenen Seiten her angeht und einkreist, um unterschiedliche Aspekte zu erfahren, um im eigentlichen Sinn Wissen zu schaffen, künstlerisches Wissen.

Polioerkrankung und Kindheil als Secondo bringen Grenzerfahrungen spiritueller und sozialer Art mit sich. Das Spirituelle ist bei Cesare nicht nur in besonderen Themen zu finden, wie in den Mutter-Kind Darstellungen, bei denen er neue Lösungen suchte, sondern scheint mir vor allem spürbar in seiner tiefen Beziehung zum Stein, Urgrund der Erde, Basis unserer Wirklichkeit. Mit grösster Selbstverständlichkeit sprach er mir vom Einfühlungsvermögen in den Stein, das notwendig sei, um gute Arbeit zu leisten. Der Stein ist ihm ein Freund, ein Partner im künstlerischen Dialog, mit dem er in Beziehung tritt, manchmal konflikthaft, immer respektvoll, nie um ihm Gewalt anzutun oder ihn zu überlisten, sondern um ihm neue Ausdrucksmöglichkeiten zu erschliessen, ihm Geltung zu verschaffen.

Die Spiritualität Cesares bleibt immer unserer Sozialen Realität verbunden. Menschen, welche einen Kurs in San Vittore besucht haben, sprechen mit Hochachtung von der freundschaftlichen, ja familiären Atmosphäre, in der sie von Cesare und Jaqueline aufgenommen wurden. Seine Lehr- und Kurstätigkeit war mehr als ein Broterwerb. Sie war sein Weg, mit und unter den Menschen zu sein und sein Können und Wissen zu teilen, mitzuteilen; zwar ist der Künstler immer ein Einzelgänger, aber er braucht kein Aussenseiter zu werden. Und Cesare wusste, unterstützt von Jaqueline, seine soziale Umwelt einzubeziehen und mitzugestalten. Nur mit dem Kommerz- und Showbetrieb des Kunstgeschäftes konnte er, der in ärmlichen Verhältnisse aufgewachsen war, sich nicht arrangieren; man gewinnt den Eindruck, er hätte sich gegenüber dem Kunsthandel eine sanfte, aber zähe Opposition bewahrt. Dazu trug wohl auch bei, dass er seine Arbeiten für sich selbst schaffen wollte und musste, und eigentlich nur ungern weggab, nicht ohne einen Abguss für sich zu schaffen, um am Thema weiterarbeiten zu können.

Cesare erwähnte mir gegenüber die grossen Füsse an manchen seiner Plastiken und erklärte mir dazu statische Überlegungen. Ich denke aber, sie sind auch ein Ausdruck dafür, wie ausgeprägt die Bodenhaftung seiner Kunst ist, die Verbundenheit mit unserer bedrohten Erde, sodass er ein Botschafter und Dolmetscher für die Welt der Steine wurde.

Heinz Stefan Herzka

Zurück